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Donnerstag, 18. Juni 2015

Der Flitschhobel

Kürzlich bin ich bei einer Recherche wieder einmal in der Oekonomischen Encyklopädie von J. G. Krünitz 1) gelandet. Im Zusammenhang mit der Herstellung von Fußbodenbrettern wird dort die Funktion von Nut- und Spundhobel für die Anfertigung einer Nut- und Federverbindung beschrieben. Im weiteren Verlauf kommt dann der Flitschhobel zum Einsatz, und da ich diesen Namen noch nie gehört hatte, bin ich neugierig geworden. Krünitz beschreibt seine Funktion so:

"Die sichtbare Seite eines Bretes zu dem Fußboden behobelt der Zimmermann an der Kante mit dem Flitschhobel, stößt alsdenn die Fläche mit dem Scharfhobel [Schrupphobel] ab, und ebnet sie zuletzt mit einem Schlichthobel."
und im folgenden:
"Der Flitschhobel der Zimmerleute, Fig. 1367o), hat an einer Seite seiner Bahn einen Falz, a b, welchen der Zimmermann an die Kante des Bretes ansetzt, und mit seinem Hobeleisen andeutet, wie tief er das Bret abhoblen will, damit er mit dem Scharf= und Schlicht=Hobel nach einem geraden Striche hobele." So recht konnte ich mir weder den Hobel noch die damit vorgenommene Arbeit vorstellen, zumal die zugehörige Abbildung nicht unbedingt hilfreich ist.


Flitschhobel in der Encyklopädie von Krünitz


Also habe ich weitergesucht, aber die Erläuterungen in anderen Fachbüchern haben mich eher noch mehr verwirrt. Jacob Heinrich Kaltschmidt 2) beschreibt den Flitschhobel als "ein hobelähnliches Werkzeug zum Vorreißen". Bei Pierer 3) ist es ein "Hobel mit einem vorstehenden Rande an der untern Seite, der an der schon glatt gearbeiteten Seite eines Brets läuft, wenn die andre behobelt werden soll".

Bei Günther Heine 4) fand ich schließlich die Abbildung eines Doppelflitschhobels und sah, dass es sich um einen einfachen und sehr langen Falzhobel handelt. Der abgebildete Hobel hat eine Länge von 1230 mm. Heine beschreibt, an Krünitz angelehnt, dessen Funktion so:
"Mit ihm hobelte der Zimmermann an einem grob zugerichteten Balken zunächst entlang der Kanten Falze an. Diese gaben ihm einen Anhalt dafür, wieviel er dazwischen mit dem Ketschhobel wegnehmen mußte, um eine durchgehende, saubere Fläche zu erhalten."


Mit dem Flitschhobel erzeugte Fälze


Jetzt konnte ich mir besser vorstellen, wozu der Flitschhobel verwendet wurde. Aber warum benutzt nur der Zimmermann den Flitschhobel, während der Schreiner seine Bretter mit der Rauhbank abrichtet? Darüber habe ich nichts gefunden, aber der Grund könnte in den unterschiedlichen Abmessungen liegen. Der Schreiner bearbeitet Bretter, die vielleicht maximal zwei Meter lang sind. Der Zimmermann hat mit wesentlich längeren Balken und Brettern zu tun. Diese mit der Rauhbank plan zu hobeln dürfte sehr schwer sein. Deshalb erzeugt er sich zuerst einmal eine Basislinie in Form eines Falzes und arbeitet sich dann mit handlicheren Hobeln auf diese Ebene vor.

J. M. Greber 5) erwähnt den Flitschhobel unter der jüngeren Bezeichnung Fluchthobel, als er über den Falzhobel schreibt:
"In der Folgezeit trat der Falzhobel, wie es scheint, bei den deutschen, französischen und englischen Möbelschreinern etwas hinter den Simshobel zurück, während die Bauschreiner und Zimmerleute ihn in einer grossen, fugbankähnlichen Ausführung benutzten. Der gleiche Hobel ist heute bei den Zimmerleuten als Falz- oder Fluchthobel bekannt. Fluchthobel heisst er deshalb, weil er lange Fälze in eine gerade Linie bringt. Alte Belege für den Namen gibt es nicht."
Diese Belege gibt es wohl deshalb nicht, weil der Fluchthobel in früheren Zeiten Flitschhobel hieß.

Einige schöne Exemplare von Flitschhobeln bzw. Fluchthobeln befinden sich in der Sammlung von K. G. Heid, der mir die folgenden Abbildungen zur Verfügung gestellt hat. Vielen Dank! (Bilder anklicken zum Vergrößern)


Flitschhobel Sammlung K. G. Heid


Flitschhobel Sammlung K. G. Heid


Flitschhobel Sammlung K. G. Heid


Unter dem Namen Fluchthobel ist dieser Hobel in diversen alten Katalogen zu finden, z. B. bei Georg Baldauf (Katalog von 1912, Seite 35) oder bei Friedrich Ott (Katalog von 1940, Seite 45)


Quellen:
1) Johann Georg Krünitz: Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirtschaft (Berlin, 1806) (Krünitz Online)
2) Jacob Heinrich Kaltschmidt: Vollständiges stamm- und sinnverwandtschaftliches Gesammt-Wörterbuch der deutschen Sprache (Beck, 1851)
3) Heinrich August Pierer: Universal-Lexikon der Gegenwart und Vergangenheit oder neuestes encyclopädisches Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe (Pierer, 1850)
4) Hans-Tewes Schadwinkel, Günther Heine: Das Werkzeug des Zimmermanns (Verlag Th. Schäfer, Hannover, 3. Aufl., 1999)
5) Josef M. Greber: Die Geschichte des Hobels (Reprint im Verlag Th. Schäfer, Hannover, 1987)

Sonntag, 29. Dezember 2013

Hobelbau klassisch - Der fertige Hobel

Hier geht's zum vorherigen Beitrag.

Seit dem letzten Beitrag über den Bau meines Hobels ist einige Zeit vergangen. Andere Dinge waren wichtiger, und die Werkstatt hat mich nicht oft gesehen in der letzten Zeit. Aber jetzt ist der Hobel fertig.

Ich habe die Kanten etwas abgerundet und ihn zwei oder drei Mal mit Leinöl eingelassen. Einen Handschoner wird er nicht bekommen. Ich wollte einen ganz einfachen Hobel bauen, auf traditionelle Weise und ohne all das "moderne Zeug", was das 20. Jahrhundert gebracht hat. Naja, so streng sehe ich das eigentlich nicht. Aber ein Handschoner hätte den Bau viel komplizierter gemacht.

Auf dieser Seite habe ich einige Informationen über die Entwicklung des Handschoners zusammengetragen.
http://www.holzwerken.de/museum/texte/handschoner.phtml
Eine einfache Befestigung mit Dübeln hätte mir nicht gefallen. Aber eine abgesetzte Gratnut mit halbkreisförmiger Begrenzung hätte ich ohne Oberfräse kaum herstellen können. Auch eine stärkere Abrundung der Rückseite wollte ich nicht machen. Da hat die Ästhetik über die Benutzbarkeit gesiegt.

Mir hat der Hobelbau sehr viel Spaß gemacht. Wenn man viel über Hobel schreibt, ist es sicher gut, wenn man selbst mal einen gebaut hat. Im Prinzip ist es gar nicht schwierig, aber natürlich liegt die Tücke im Detail. Und man muss schauen, wo genaues Arbeiten wichtig ist und wo man Freiheit in der Gestaltung hat.

Für meinen Erstling wollte ich mich eng an die Vorbilder halten. Mit der Genauigkeit hapert es allerdings etwas. Man merkt das daran, dass sich das Eisen nur schwer gerade einsetzen lässt. Irgendein Winkel stimmt nicht exakt, ich habe es nicht herausgefunden. Egal, ich bin sehr zufrieden. Und beim nächsten Mal werde ich noch sorgfältiger sein.






Donnerstag, 7. November 2013

How can I pimp my plane

oder Wie kann ich diesen Hobel verbessern? Das wird Mr. Knight gedacht haben 1) 2), nachdem er sein neuestes Werkzeug ausprobiert hatte. Ein Schrupphobel aus Deutschland, schmal und leicht, mit dem es eine Freude war Bretter abzurichten. Die Nase war zwar ungewohnt für einen Engländer, aber durch ihre Asymmetrie lag sie gut in seiner Hand. Das hintere Ende des Hobels fand er dagegen zu kantig, und nach einer Weile schmerzte die rechte Hand. Die heimischen Jack Planes waren besser zu führen, denn sie hatten hinter dem Eisen einen ordentlichen Griff. Könnte man nicht einfach ...?


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Gedacht, getan! Ein Griff war schnell ausgesägt und mit Raspel und Feile geformt. Und weil er sich so leichter befestigen ließ und um den Abstand zum Eisen gering zu halten, sägte Mr. Knight kurzerhand die hintere obere Hälfte des Hobels weg. Den Griff leimte er in eine Nut, sicherte ihn noch mit einer Schraube und feilte alle Kanten gefällig rund.

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So war deutlich angenehmer mit dem Hobel zu arbeiten! Das lästige Abrichten war jetzt schnell erledigt, und Mr. Knight fragte sich, warum nicht schon vor ihm jemand auf diese Idee gekommen war.

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Voller Stolz stempelte er den Hobel gleich an drei Stellen mit seinem Namen und gab ihm einen Ehrenplatz in seinem Werkzeugschrank.

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Wer weiß, wenn er damals einen Brief an den Hersteller geschrieben hätte, vielleicht wäre seine Idee von Friedrich Wilhelm Emmerich dankbar aufgegriffen worden. So ist sein Hobel ein etwas exotisches Einzelstück geblieben. Einen besonderen Platz hat er aber auch jetzt wieder, nämlich in meiner Sammlung.

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Quellen:
1) http://de.wikipedia.org/wiki/Pimp
2) Sicher hat Mr. Knight damals einen anderen Ausdruck benutzt.

Sonntag, 3. November 2013

Schweriner Nuthobel

Wer sich für alte Hobel interessiert, dem sind sie sicher mal aufgefallen: die sogenannten Schweriner Nuthobel. Die Mischung aus messingglänzenden Beschlägen und exotischen Hölzern in einer für Hobel sehr ungewöhnlichen Form ist zugleich faszinierend und rätselhaft. Wer hat sie benutzt und wofür? Und für mich besonders interessant ist die Frage, von wem wurden sie gebaut?

Nuthobel kennt man als relativ schwere und - nach meinem Gefühl - unhandliche Hobel, mit denen Nuten entlang einer Längskante hergestellt werden können. Auf meiner Homepage kann man einige Nuthobel aus meiner Sammlung sehen. Sehr viel mehr und exotischere Nuthobel zeigen Sammler auf der Seite eines französischen Forums von Werkzeugliebhabern:

http://outils-anciens.xooit.fr/t17-La-passion-des-bouvets.htm

Für den Kutschen- und Wagenbau mit den dort häufig auftretenden geschwungenen Formen konnten diese normalen Nuthobel mit ihrer langen Sohle nicht verwendet werden. Dort brauchte man, ähnlich den anderen Hobelgattungen für Kunsttischler, Nuthobel mit kurzer Sohle und Anschlag, um den Schweifungen folgen zu können. Beispiele solcher Hobel findet man auf dieser Seite:

http://outils-anciens.xooit.fr/t33-Les-bouvets-de-carrossier.htm

Eine Untergruppe der Wagnernuthobel sind die Schweriner Nuthobel. Die folgenden Bilder zeigen drei schöne Exemplare aus der Sammlung J. Wiedenmann:






Zwei dieser Hobel haben den Namen des Herstellers auf dem Einstellrad für den Seitenanschlag eingeprägt. Auf dem ersten steht "W. ZETTLER, SCHWERIN i M", der zweite stammt von "C. HABERECHT" und ist mit "1262" (Herstellungsnummer?) und "1901" (Jahreszahl?) gekennzeichnet. Der dritte Hobel, der sich auch in der Bauart unterscheidet, ist unmarkiert.

Selbst besitze ich keinen Schweriner Nuthobel. Aber in mehreren meiner Kataloge habe ich Abbildungen davon finden können, z. B. bei Joseph Steiner (1906), Georg Baldauf (1912) und Johann Weiss & Sohn (1933).


"Nuthobel zum Verstellen, Schweriner Form"
Katalog Baldauf, 1912


Einen direkten Hinweis auf die Hersteller gibt es bisher nicht, aber immerhin finden sich in alten Adressbüchern und Volkszählungslisten zwei passende Namen:

Wilhelm Zettler (geb. 8.4.1859 in Schwerin) war Drechslermeister. Mit seiner Familie und zwei Lehrlingen wohnte er in der Apothekerstraße 30. 1903 wurde ihm gestattet, das Prädikat des Allerhöchsten Hofdrechslers zu führen. Sein Sohn Wilhelm Adolf (geb. 14.5.1894) wurde ebenfalls Drechslermeister. Die Drechslerei Zettler existiert bis heute in Schwerin. Ob in der Geschichte der Firma solche Nuthobel hergestellt wurden ist dort leider nicht mehr bekannt (Recherche J. Wiedenmann).

Clemens Haberecht (geb. 10.8.1848 in Ziegenhain b. Meißen) war Mechaniker und besaß ein eigenes Geschäft/Fahrradhandlung in der Schulstraße 5 in Schwerin. Das Reichsadressbuch von 1898 führte Haberecht in der Rubrik "Werkzeugfabrik und Engroshandlung" auf. Sein Sohn Clemens (geb. 19.11.1882 in Schwerin) lernte ebenfalls Mechaniker.

Ob Wilhelm Zettler und Clemens Haberecht die Hersteller der Schweriner Nuthobel waren, kann ich aus diesen Daten nicht sicher schließen. Auf jeden Fall gehören diese Hobel zu den Prunkstücken einer jeden Sammlung.


Quellen:
Handels- und Gewerbsadressbuch des deutschen Reiches, 1883 (bei ancestry.de)
Zählkarte zur Volkszählung am 1. December 1890 (bei familysearch.org)
Deutsches Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe und Handel, 1898-1899 (Recherche K. G. Heid)
Zählkarte zur Volkszählung am 1. Dezember 1900 (bei familysearch.org)
Regierungsblatt für Mecklenburg-Schwerin, 1903 (Google Buchsuche)
Deutsches Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe, Handel und Landwirtschaft, 1929 (bei ancestry.de)
Adreßbuch der Landeshauptstadt Schwerin, 1935 (bei ancestry.de)

Samstag, 2. November 2013

Jordan/Germany oder der Missing Link

Vor über zehn Jahren sah ich zum ersten Mal einen Hobel mit der Marke "Jordan" und der Herkunftsbezeichnung "Made in Germany". Ich fand das natürlich spannend, meinen Namen auf Werkzeugen zu lesen und habe versucht, mehr herauszufinden.

Besonders interessant an diesem Hobel war die spezielle Eisenfeineinstellung. Die Kennzeichnung "DRPa" ist vermutlich ein Hinweis auf das Patent zu dieser Einstellung, aber eine Patentschrift dazu habe ich nicht finden können. Vermutlich wurde ein Patent angemeldet, aber nicht erteilt.



Eine neue Spur ergab sich, als ich einen praktisch identischen Hobel fand, der mit "Tum" anstelle von "Jordan" gekennzeichnet war. Die Marke TUM gehörte zur Eisengießerei Tillmanns & Maier in Velbert, und diese Firma hat unter anderem eiserne Hobel hergestellt. Beim deutschen Patentamt fand ich drei Gebrauchsmuster der Firma Tillmanns & Maier, und alle drei haben die Eisenfeineinstellung zum Thema. Bei einem der Gebrauchsmuster für einen Doppelhobel ist das Eisen auf die gleiche Weise geschlitzt wie bei dem obigen Hobel, der darin eingreifende Mechanismus aber etwas verschieden.

Der Hersteller dieser speziellen Hobel wäre also die Firma Tillmanns & Maier in Velbert gewesen. Wer aber war Jordan, und warum findet man praktisch alle Werkzeuge mit der Kennzeichnung Jordan/Germany in den USA? Schon früh bekam ich in einem amerikanischen Forum die Auskunft, dass es in New York eine Firma "Jordan Hardware Corporation" gab. Nach langer Suche fand ich schließlich eine Anzeige der Firma Jordan von 1929, in der sich diese Firma als Agent für sieben europäische Firmen bezeichnete. Auf einem der abgebildeten Werkzeuge ist sogar der Namenszug JORDAN in einer Raute zu sehen, genau wie auf meinem Hobel No. 3.

Das wäre also eine Erklärung: Die Firma Tillmanns & Maier hat diese Hobel für den amerikanischen Händler Jordan Hardware Corporation gebaut und mit dessen Logo versehen. Auch über andere Händler hat Tillmanns & Maier Hobel verkauft, denn solche Putzhobel existieren auch mit den Markennamen "Tum", "Solar" und "Metro".

Das ist aber noch nicht alles. Zum einen gibt es neben diesem recht besonderen Putzhobel No. 3 eine Reihe weiterer Hobel mit der Kennzeichnung Jordan/Germany. Das sind ausschließlich kleinere Hobel, sogenannte "block planes", die nicht nur Nachbauten entsprechender Stanley-Modelle sind, sondern auch die gleiche Nummerierung verwenden. Oft, aber nicht immer, ist die erste Ziffer dieser Nummer verdoppelt, also "1102" anstatt "102" usw. Ob diese Hobel auch von Tillmanns & Maier stammen, kann ich bisher nicht sagen.

Und dann gibt es noch eine weitere Linie solcher kleinen Hobel. Im Unterschied zu Jordan-Hobeln sind sie blau mit einer roten Eisenklappe. Sie tragen einen schwarz-rot umrandeten goldenen Aufkleber mit der Marke STRONG BOY. Und der Herkunftsbezeichnung WEST GERMANY zufolge wurden sie nach dem Krieg gefertigt.

Bisher hatte ich keine Vermutung, wer diese Hobel gebaut haben könnte. Aber dann tauchte dieser kleine No. 101 bei Ebay auf, praktisch identisch mit einem STRONG BOY No. 101 in meiner Sammlung.




 Das Kürzel TUM auf dem Aufkleber gab schon einen deutlichen Hinweis. Als der Hobel dann eintraf, entdeckte ich auf dem Eisen noch das Logo der Firma Tillmanns & Maier, das ich bisher nur von einem Briefkopf kannte.



Das bedeutet, dass auch die unter der Marke STRONG BOY auf dem amerikanischen Markt vertriebenen Hobel von der Firma Tillmanns & Maier stammen. Dass auch andere deutsche Firmen Hobel unter amerikanischen Markennamen verkauft haben, ist sehr wahrscheinlich. Sicher gilt das für viele andere Werkzeuge. Zwar tragen sie zum Teil bekannte deutsche Markennamen, aber viele sind lediglich mit MADE IN GERMANY gekennzeichnet. Die Hersteller herauszufinden dürfte ähnlich schwierig sein wie bei den hier gezeigten Hobeln.

Dienstag, 19. Februar 2013

Profilhobelkeile - Ein Vergleich

Der Keil eines Hobels hat eine einfache Aufgabe. Er soll das Messer beim Hobeln unverrückbar festhalten, muss sich aber leicht herausnehmen lassen, wenn das Eisen geschärft werden soll. Für Bankhobel ist wegen der größeren Masse der Eisen die einfache spitzwinklige Form ausreichend. Bei schmäleren Hobeln, wie Simshobeln und den meisten Profilhobeln, hat der Keil im oberen Drittel einen Einschnitt, um einen Ansatzpunkt zum Herausschlagen des Keils zu haben.

Die genaue Form dieses Einschnitts bzw. des Keilkopfes ist eigentlich ziemlich beliebig. Tatsächlich haben sich aber, wie bei den Hobeln selbst, nationale und regionale Unterschiede herausgebildet. In der einschlägigen Literatur spielen die Formen der Keile keine große Rolle, aber es gibt doch einige Zitate.

W. L. Goodman 1) ist von den englischen Keilformen so angetan, dass er für die anderen keine freundlichen Worte findet: "Verglichen mit den Keilen auf dem Kontinent mit ihrer einfachen Form, oft nur einem nachlässig gerundeten Kopf und einem kunstlosen dreieckigen Einschnitt, ist der britische Profilhobelkeil elegant geformt."

John M. Whelan 2) diskutiert ebenfalls die geschwungenen Formen der englischen Keile und beschreibt dagegen die kontinentalen Formen als eher geradlinig. Einzig die französischen Keile seien teilweise oben gerundet. Deutsche und österreichische Keile werden mit einem flachen Kopf beschrieben, ebenso die niederländischen, deren Vorderseite aber gegen die Keilform etwas zurücktritt. Die folgende Abbildung aus diesem Buch zeigt die kontinentalen Formen im Vergleich.


Günther Heine 3) zeigt Abbildungen von niederländischen, englischen und deutschen Keilen, und auch bei ihm sieht ein typisch deutscher Keil so aus wie bei Whelan. Tatsächlich kommt diese Form bei deutschen Profilhobeln vor, allerdings nur bei einer kleinen Gruppe von Herstellern, wie wir noch sehen werden.

Recht ausführlich beschreiben Pierre Bouillot und Xavier Chatellard 4) die nationalen Unterschiede der Keile. Die Formen der schmalen Keile deutscher Profilhobel sehen sie als ähnlich denen der französischen und niederländischen Hobel. So unpräzise das klingt, beschreibt es doch die Bandbreite der deutschen Keilformen am genauesten.

Tatsächlich unterscheiden sich die Keilformen der meisten deutschen Hersteller wenig von denen der französischen, wie sie in der Abbildung bei Whelan gezeigt werden. Es gibt allerdings eine Reihe von Ausnahmen, und diese sind, wie sich zeigen wird, typisch für bestimmte Hobelhersteller. Die Kenntnis dieser Form alleine kann in vielen Fällen dazu dienen, den Hersteller mit einiger Sicherheit zu identifizieren. Das kann z. B. bei Ebay-Auktionen hilfreich sein, wo man oft nur ein einziges, schlecht photographiertes Bild bekommt und eventuell eine "Beschreibung" in der Art "gemarktet, aber kann ich net lesen".

Die folgende Abbildung zeigt Keile von Profilhobeln, die von der typisch deutschen Form abweichen. In der direkten Gegenüberstellung sind die Unterschiede gut zu erkennen, und ich werde die jeweiligen Besonderheiten für jeden Hersteller beschreiben.


Dieser Keil entspricht noch am ehesten der Form, wie sie von den meisten deutschen Herstellern verwendet wurde. Tatsächlich weist er aber zwei Besonderheiten auf, die seinen österreichischen Ursprung (hier: Joh. Weiss & Sohn in Wien) verraten. Das ist zum einen die Zierlinie am unteren Rand des Ausschnitts und die zusätzliche Abschrägung am oberen Rand. Sehr häufig sind die österreichischen Keile auch oben gerade und entsprechen in den Winkeln den Hamburger Keilen (s.u.).

Bei den Keilen der Firma Friedrich Ott in Ochsenfurt ist mir zum ersten Mal der Unterschied zu der sonst üblichen Form aufgefallen. Sie sind nämlich oben gerade abgeschnitten, und zwar in einem rechten Winkel zur Rückseite. Ein weiteres typisches Detail bei den Ochsenfurter Keilen ist ein kleiner halbkreisförmiger Ausschnitt am vorderen Rand des Spanlochs.

Auch die Firma Otto Kneisel in Zeitz verwendete diese kleine Verzierung am Spanloch. Die Keile haben einen sehr ausgeprägten Ausschnitt mit abgeschrägten Rändern. Die Vorderseite des Keilkopfes ist parallel zur Rückseite, wodurch eine fast rechteckige Form entsteht.

Ganz ähnlich sind die Winkel an diesem Keilkopf von Eduard Goedel in Leipzig. Weil der Ausschnitt kleiner ist und an den Rändern nicht abgeschrägt, sieht der Keil jedoch deutlich anders aus.

Eine ganz eigene Form hat J. Hofmann in Leipzig entwickelt. Der Keil ist oben fast halbrund und ohne Ausschnitt. Dafür ist er seitlich dicker und bietet dadurch einen gut zugänglichen und stabilen Vorsprung.

Die Keile der Hamburger Werkzeugmacher (als Beispiel: Martin Cathor) sind ganz ähnlich denen von Friedrich Ott. Der rechte Winkel liegt aber nicht hinten, sondern am vorderen Kopfende. Auch die flachen Keile der österreichischen Hersteller sehen so aus, von den zusätzlichen Verzierungen abgesehen. Diese Keilform wird sowohl von Heine als auch von Whelan als die typisch deutsche bezeichnet.

Dieser sehr kantige Keilkopf mit tiefem Einschnitt und keinem rechten Winkel stammt vermutlich von der niedersächsischen Firma Johann D. Ulland (Bad Zwischenahn) und erinnert schon an die niederländischen Formen.

Sehr ausgeprägt ist die niederländische Form bei den Hobeln von Peter Duesing in dem Grenzstädtchen Anholt (heute: Isselburg), der vor allem für den holländischen Markt produziert hat.


Man sollte diese Zusammenstellung nicht allzu wörtlich nehmen, denn, wie erwähnt, hat Joh. Weiss sowohl runde als auch gerade Keile hergestellt, Eduard Goedel ebenso, von Johann D. Ulland kenne ich nur diesen einen Keil usw. Nach meiner Erfahrung sind die gezeigten Formen aber ein guter Anhaltspunkt und wichtiger Hinweis auf den Hersteller. Man sieht, dass die deutschen Keilformen nicht so einheitlich sind wie in der Literatur dargestellt. Und schon gar nicht "nachlässig" gearbeitet oder "kunstlos", dear Mr. Goodman!



Quellen:
1) W. L. Goodman: British Planemakers from 1700 (Astragal Press, 1993)
2) John M. Whelan: The Wooden Plane (Astragal Press, 1993)
3) Günther Heine: Das Werkzeug des Schreiners und Drechslers (Th. Schäfer, 1990)
4) Pierre Bouillot, Xavier Chatellard: Les Rabots (Édition Vial, 2010)

Sonntag, 30. Dezember 2012

Bauanleitung für Zahnleistenhobel und Jalousiehobel

Beim Blättern in einem Nachdruck von Friedrich Wilhelm Mercker "Der Tischler" habe ich diese Anleitungen zum Bau eines Zahnleistenhobels und eines Jalousiehobels gefunden. Mercker nennt den Jalousiehobel hier "Nuthhobel", die Beschreibung zeigt aber, dass er zum Herstellen der Nuten dient, in denen die Rolladen von z. B. Schreibtischen laufen. Das Buch ist ursprünglich 1834 erschienen, 2002 vom Reprint-Verlag in Leipzig nachgedruckt worden, aber mittlerweile vergriffen.


Zu den außergewöhnlichen Werkzeugen gehören die Taf. VI. Fig 79, 80 und 81 und Fig. 82, 83 und 84 in einem Drittheil der natürlichen Größe nach beigefügtem Maaßstab dargestellten Hobel, von denen man den ersten zur leichtern Anfertigung der Zahnleisten bei Bücherschränken nöthig hat, die außerdem, wenn die Zähne schräg angeschnitten werden, sehr viel Arbeit verursachen und der andere dient zum Einstoßen der Nuthen, worin die Fig. 52 angeordneten Schieber k, k, ... laufen, die auch häufig bei anderen Meubles, vorzüglich den Schreibtischen vorkommen und bei aus freier Hand eingeschnittnen Nuthen keinen guten Gang bekommen würden.

Fig. 80 Zahnleistenhobel in der obern Ansicht
Fig. 79 Zahnleistenhobel in der Seitenansicht

Soll man einen Zahnleistenhobel, wie der Fig. 81 im Profilriß, Fig. 80 in der obern Ansicht und Fig. 79 in der Seitenansicht dargestellte ist, anfertigen, und ist das dazu nöthige Stück Holz nach der Stärke ab, der Höhe ac Fig. 81 und der Länge AB Fig. 79 ausgehobelt, auch die obere Stärke cd Fig. 81 mit dem Streichmaaße wie Fig. 80 DE vorgerissen, so theilt man die ganze Länge DE in 4 Theile und winkelt vom Theile I eine Linie IO herüber, die dann wieder in 4 Theile getheilt wird, von denen dreie von I nach 3 auf DE herabgetragen, und von da die schräge Linie 3-O und in Fig. 79 die nach dem Gehrmaaße O-L aufgerissen werden. Sind diese Linien, die die Lage des Hobeleisens bestimmen, angegeben, so reißt man auch die obere Schräge auf der untern noch glatten Fläche oder der Bahn vor, die erst nach dem Einstemmen der Löcher für Eisen und Keil die Form efghik Fig. 81 erhalten und giebt auch Fig. 80 oben und unten die Breitengrenzlinien FG und HI und die Linie KL parallel mit O3 an, worauf das Loch gestemmt werden kann. Der Schnitzer lgm Fig. 81, der zum Vorschneiden des Zwergholzes dient, wird Fig. 79 einen Zoll von f oder dem ersten Eisen entfernt winkelrecht mit AB auf den Grad eingeschnitten, damit der vor demselben befindliche hölzerne Keil k hält, und darf Fig. 81 vor der Fläche fg nur zwei bis drei Papierdickten vorstehen. Das Eisen, welches die Zahnschräge ausstößt, indem der Hobel mit der Anschlagsfläche ik Fig. 81, an die winkelrecht bestoßene Hörnfläche der 1 1/2 zölligen Pfoste, aus welcher nach der Anfertigung der Zähne die Leisten geschnitten werden, fest angehalten, oder in einem schon eingestoßenen Zahn fortgesetzt wird, bekommt unterhalb die schräge Form gh Fig. 81 und muß so lange zugeschliffen werden, bis es, nachdem der Hobel fertig ist, einen gleichen Vorstand vor der Bahn gh erhält.

Fig. 83 Nuthhobel im Profilriß
Fig. 82 Nuthhobel im Längendurchschnitt
Fig. 81 Zahnleistenhobel im Profilriß

Der Nuthhobel, der Fig. 82 im Längendurchschnitte, Fig. 83 im Profilrisse und Fig. 84 in der obern Ansicht gezeichnet ist, erhält zu seiner Länge dasselbe Maaß wie der erstere Hobel, wird unten Fig. 83 zu beiden Seiten seiner Bahn nach ade ausgefälzt, damit die Feder daad erhalten wird und das Eisen cbaabc, welches die Späne wegnimmt und wie ein gewöhnliches breites Nuthhobeleisen geformt ist, seinen für die Nuth gehörig tiefen Stand erhalten kann. Die schräge Lage dieses Eisens ist Fig. 82 nach der Gehrung durch die Linie OL bestimmt und die Form des Loches, durch welches die Späne ausgeworfen werden, zeigt die gebrochene Linie abc an, die von b nach c winkelrecht angeordnet ist. Fig. 84 ist die Form dieses Loches von oben anzusehen mit defghikl bezeichnet dargestellt und einen Zoll davon entfernt auch die Oeffnung mnop für den Keil und doppelten Schnitzer bestimmt, der die Form, wie Fig. 131 H, Taf. X erhält und Fig. 82 seinen winkelrechten Stand hinter dem Keile d bekommt.

Fig. 84 Nuthhobel in der obern Ansicht

Die etwas altertümliche Sprache macht vielleicht etwas Probleme beim Verständnis, aber ich denke, mit Hilfe der Abbildungen (vergrößern durch Anklicken) wird man zurechtkommen. Viel Spaß beim Nachbau!
Quelle: Friedrich Wilhelm Mercker "Der Tischler" (Reprint-Verlag-Leizig, 2002)

Freitag, 24. Februar 2012

Werkzeugkatalog Franz Wertheim 1869

Über die Wiener Werkzeugfabrik des Franz Wertheim hatte ich bereits in einem früheren Blogeintrag berichtet. Dort ist auch Wertheims "Werkzeugkunde" erwähnt, deren vollständiger Titel lautet:
"Werkzeugkunde zum Gebrauche für technische Lehranstalten, Eisenbahnen, Schiffbau u Industrie Gewerbe als Tischler, Drechsler, Fassbinder, Wagner, Zimmerleute, Modelleure & Mechaniker von Franz R. v Wertheim, k. k. Hof u. I. land. bef. Werkzeugfabrikant zu Wien"

Durch einen Blogeintrag von Joel Moskowitz habe ich erfahren, daß es jetzt eine Online-Version dieses Katalogs gibt. Franz Wertheim hatte die "Werkzeugkunde" auf Deutsch und auch auf Französisch veröffentlicht. Beide Ausgaben bestehen aus jeweils zwei Bänden. Der erste Band enthält die Werkzeugbeschreibungen und wird ergänzt durch ganzseitige Farbtafeln mit den Abbildungen im zweiten Band. Die Princeton University besitzt die französische Fassung dieses Werks und hat jetzt beide Bände aufwendig eingescannt und online gestellt:


Wertheims Werk ist kein Verkaufskatalog, wie sie zu dieser Zeit von anderen österreichischen und deutschen Firmen erstellt wurden. Vielmehr möchte Wertheim, wie er im Vorwort schreibt, "vom praktischen Standpunkte aus anführen, wie jedes Handwerkzeug richtig zu benennen, aus welchen Stoffen es gemacht ist und welche Nutzeffecte mit ihm zu erreichen sind, so zwar, dass dieses Werk für technische Lehranstalten, industrielle Etablissements, wie für den Handarbeiter brauchbar ist."

Wertheim hat deshalb nicht nur die in seiner Fabrik erzeugten Werkzeuge gezeigt und beschrieben. "Ich habe bei der Wahl der in diesem Buche dargestellten Werkzeuge nicht ausschliesslich den österreichischen Standpunct eingenommen und daher auch jene Handwerkzeuge, die in England, Frankreich und Amerika nach praktischen Erfahrungen zweckmässiger als unsere, hier aufgenommen."

Die "Werkzeugkunde" ist nicht nur für den Historiker ein grundlegendes Werk, sondern auch für den Sammler eine wichtige Quelle. Die schön kolorierten Zeichnungen von gewöhnlichen bis zu exotischen Werkzeugen sind ein Genuss für jeden Werkzeugliebhaber.

Eine Veröffentlichung der vollständigen deutschsprachigen Version gibt es bisher nicht, aber der Textband der "Werkzeugkunde" werden sowohl von Google als auch von der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) angeboten:


Beide Versionen stammen von demselben Original im Bestand der BSB, das dort auch eingesehen werden kann. In der Qualität der Wiedergabe sind die Online-Versionen vergleichbar. Die Umsetzung in Text scheint identisch zu sein, die Zuordnung zu den Seiten ist bei der BSB besser gelöst. Beide Quellen bieten die Möglichkeit, eine PDF-Datei herunterzuladen.


Donnerstag, 23. Februar 2012

Geschäftsanzeigen 1865

Die Google Buchsuche ist eine feine Sache. Sie ermöglicht mir, bequem von zu Hause aus in den großen Bibliotheken der Welt zu stöbern. Sehr erleichtert wird das, weil Google die Bücher und Zeitschriften nicht einfach nur einscannt, sondern sie auch (so gut das möglich ist) in Texte umsetzt. Deshalb kann ich damit in Sekunden Quellen finden, die mir selbst vor Ort in einer Bibliothek vermutlich verborgen blieben.

Immer wieder entdecke ich so mir bisher unbekannte Werkzeughersteller oder neue Details über bereits bekannte. Neben den nüchternen Informationen sind es auch Details aus dem Leben der Leute, die die Suche spannend machen. Auch ein "Werkzeugverfertiger" heiratet, bekommt Kinder, zieht um, geht bankrott oder stirbt. Und alles ist in Meldungen und Geschäftsanzeigen festgehalten und dank Google leicht zugänglich.

Und manchmal finde ich auch etwas ganz Besonderes, wie diese beiden Geschäftsanzeigen, die Seite an Seite 1865 im "Münchener Fremdenblatt" erschienen sind. 1)


Joh. Graf empfiehlt sein Geschäft in der Schommergasse 14. Aus anderen Anzeigen geht hervor, daß Graf das Geschäft im Oktober 1864 neu eröffnet hat. Neben der Fertigung der hier aufgeführten Waren nahm Graf auch "Bestellung an von allen Sorten Holzarbeiten und zwar von dem einfachsten Hausgeräthe an bis zu den phantasiereichsten und Luxusmoebel". 2) Die Menge an offerierten Waren aus eigener Produktion läßt vermuten, daß die Firma Graf ein größerer Betrieb gewesen sein muss. Ich vermute, daß es auch ein moderner Betrieb gewesen ist, denn das Münchener Adreßbuch von 1866 3) führt "Joh. N. Graf" als "Maschinen-Tischler" auf. Das waren Tischler, die die hölzernen Teile von Maschinen herstellen konnten, und man kann deshalb annehmen, daß Grafs Werkstatt selbst auch mit Maschinen ausgestattet war.

Die Schommergasse in der Münchner Ludwigsvorstadt existiert heute nicht mehr. Sie wurde 1946 in Adolf-Kolping-Straße umbenannt.


Die zweite Anzeige stammt von der Eisen- und Geschmeidwaaren-Handlung Ludwig Frank in der Schäfflergasse 16. Über diese Firma habe ich leider nicht viel mehr herausfinden können. Die Anzeige ist jedenfalls sehr detailreich, und die vorgestellten Werkzeuge, insbesondere die große Auswahl an Sägen und der hübsche Hobel im Vordergrund, würden mich zum Stöbern einladen, wenn es dieses Geschäft noch gäbe.

Laut einem Verzeichnis von 1863 hatten damals 17 Einwohner von München eine "gewerbspolizeyliche Licenz" zum Werkzeugmachen und es gab eine Werkzeugfabrik. Da gibt es für mich also noch viel zu entdecken.



Quellen:
1) Münchener Fremdenblatt: mit Tagesanzeiger und Quartiergeber, 1865
https://books.google.de/books?id=KdZMAAAAcAAJ&pg=PA68
2) Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik, 1865
https://books.google.de/books?id=EdxFAAAAcAAJ&pg=PT30
3) Adreßbuch für München, 1866
https://books.google.de/books?id=umJBAAAAcAAJ&pg=PA180
4) Medizinische Topographie und Ethnographie der k. Haupt- u. Residenzstadt München, 1863
https://books.google.de/books?id=BHLOAAAAMAAJ&pg=RA1-PA177

Montag, 14. November 2011

Ein Hersteller-"App"

Neulich im Auto: Im Radio lief ein Lied, das mir sehr gut gefiel. Die Stimme kam mir bekannt vor, und ich fragte meinen Sohn, ob er die Sängerin kennt. Er tippte kurz auf seinem Handy, hielt es vor das Radio und meinte dann: Adele. Viele werden das schon kennen: ein "App" auf dem Handy (z. B. Shazam) vergleicht ein Lied mit bekannten Titeln in einer Datenbank und liefert die Information.

Ich kannte das bisher nur vom Hörensagen und war beeindruckt. Und ich träumte von einem solchen Programm für Hobelsammler. Man stelle sich vor, man geht über den Flohmarkt, macht ein Photo von einem interessanten Hobel, und sofort erscheint der Hersteller, das Baujahr und der aktuelle Marktwert auf dem Display.

Nun ja, abgesehen davon, daß der notwendige Mustererkennungsalgorithmus sicher nicht einfach zu programmieren wäre und die Datenbank dafür auch nicht existiert, wäre die Zielgruppe für ein solches "App" wohl auch zu klein. Aber eine ähnliche Anwendung ist auf meiner Homepage zu finden:


Dort gibt es die Möglichkeit, in einer Datenbank nach Markenzeichen und den zugehörigen Herstellern bzw. Händlern zu suchen. Suchkriterien sind entweder Details des Markenzeichens (Texte oder Bilder) oder Namen bzw. Standorte der Firmen. Oder man kann sich einfach alle in der Datenbank enthaltenen Zeichen anzeigen lassen.

Und ich hab's ausprobiert: Man kann diese Suche zur Not auch vom Handy aus aufrufen.

Mittwoch, 9. November 2011

Gauner und Tricks

In einem Buch von 1858 1) fand ich den folgenden Trick, um auf Holz gedruckte, unsichtbare Mitteilungen in ein Gefängnis zu schmuggeln:

Noch verdient hier endlich der trockene Druck auf Holz erwähnt zu werden, welcher unter den Buchdruckern sehr bekannt ist. Die Mittheilung wird mit gewöhnlichen Drucklettern gesetzt und ohne Schwärze oder Farbe auf ein Stück weiches Holz, wie z. B. Linden-, Weiden-, Föhren-, Cedern-, Kastanien- oder Pappelholz, scharf aufgedruckt. Dadurch wird der Druck tief in das Holz eingetrieben. Um nun dem dritten die Mittheilung verborgen zu halten, wird das Holz mit einem Ziehling, Glasscherben oder feinem Doppelhobel genau bis auf die Tiefe des Drucks weggeschabt oder gehobelt, sodaß der Druck vollständig verschwindet. Der in das Geheimniß eingeweihte gefangene Empfänger benetzt nun das Holz mit Wasser oder einer sonstigen Feuchtigkeit, worauf an dem Holze die unterhalb des sichtbar gewesenen aber abgeschabten Drucks zusammengepreßten Letterstellen herausquillen, sodaß die Mittheilung nun in ziemlich deutlicher Erhabenheit erscheint. In dieser Weise lassen sich auf einem Lineal, Stock, dem Boden oder Deckel einer Schachtel oder eines Kästchens, auf einer Nadelbüchse u. dgl. ziemlich ausführliche Mittheilungen machen, von denen der Uneingeweihte umsoweniger eine Ahnung hat, als der Glanzlack, mit welchem ein so bedrucktes Holzstück zu mehrerer Tauschung überzogen wird, das Aufquillen des Holzes durchaus nicht verhindert.

Ich bin sicher, daß das auch noch heute funktionieren würde. Ich gebe diesen Trick aber nicht deshalb weiter, um Straftaten zu ermöglichen. Man kann ihn nämlich durchaus auch für andere Zwecke einsetzen, z. B. um erhabene Strukturen und Verzierungen auf Holz zu erzeugen. Das Prinzip ist das gleiche: Die gewünschten Strukturen werden in das Holz eingedrückt und dieses dann bis auf den Grund der Vertiefungen abgehobelt. Durch Befeuchten des Holzes erscheinen sie erhaben und dauerhaft. Sinnvollerweise probiert man das vorher mit verschiedenen Holzarten aus.

Frank Klausz hat auf diese Weise einen wasserdichten Schärfsteinbehälter gebaut. 2) Im Bereich der Fugen wird zunächst mit einem Draht eine längliche Vertiefung eingedrückt und anschließend wieder abgehobelt. Nach dem Verleimen quillt das Holz durch eindringende Feuchtigkeit in diesem Bereich auf und dichtet die Fugen zusätzlich ab.



Quellen:
1) Das Deutsche Gaunerthum
Friedrich Christian Benedict Avé-Lallemant
F. A. Brockhaus, 1858
http://books.google.com/books?id=eoADAAAAYAAJ&pg=PA309

2) Waterstone Pond, Build a watertight wooden holder for your sharpening stones
Frank Klausz
American Woodworker, Dec. 1996
http://books.google.de/books?id=jPYDAAAAMBAJ&pg=PA44

Donnerstag, 21. Juli 2011

No-Hobel

Keine Angst, es geht nicht darum Hobel abzuschaffen! Mit "No-Hobel" meine ich Hobel, die nur mit einer Nummer gekennzeichnet sind, z. B. "No. xx". In meiner Sammlung habe ich einige davon, und bisher war es mir nicht gelungen, den Hersteller zu identifizieren. Die Schreibweise "No" anstatt "Nr" deutet darauf hin, daß diese Hobel schon etwas älter sind.

Eigentlich sollte es nicht so schwierig sein, den Hersteller herauszufinden, denn oft entsprechen die Nummern auf Hobeln den Katalognummern. Aber es war mir bisher nicht gelungen, die Nummern dieser No-Hobel in meinen Katalogen zu finden und zuzuordnen.


Jetzt hat mir ein Sammler Fotos eines Grathobels No. 37 und eines Bogenfalzhobels No. 33A zugesendet, und ich habe einen neuen Anlauf genommen, das Rätsel zu lösen. Und schließlich fand ich in einem Katalog den Bogenfalzhobel No. 33A (mit Messinganschlag) und No. 33B (mit hölzernem Anschlag). Leider ist dieser Katalog nur die Kopie eines ziemlich zerfledderten Originals. Auf vielen Seiten waren Teile herausgeschnitten worden, ganze Seiten sowie der Einband fehlten. Und eine No. 37 war nicht enthalten. So war ich also nicht viel weitergekommen, denn den Hersteller wußte ich immer noch nicht.

Zum wiederholten Mal habe ich mir dann die anderen Seiten dieses Katalogfragments angeschaut und schließlich einen "Neuen verbesserten Nuthobel DRGM 147505" entdeckt. Ein wichtiger Hinweis, denn dieses Gebrauchsmuster gehörte der Firma Esslinger & Abt. Daraufhin habe ich die Nummerierung mit zwei anderen Katalogen von Esslinger & Abt verglichen und gesehen, daß sie weitgehend übereinstimmt. Den Bogenfalzhobel gab es in diesen neueren Katalogen nicht mehr, aber dafür fand ich den Grathobel mit der No. 37. Das bedeutet also, daß auch der ältere Katalog von E&A stammt. Ein schöner Erfolg, denn dieses Katalogfragment hatte mir seit langem Rätsel aufgegeben.

Ich habe dann weitere Beispiele aus meiner Sammlung und der eines Freundes mit den Nummern in den vorhandenen Katalogen verglichen. Die meisten dieser Hobel konnte ich zuordnen. Aber heißt das nun, daß alle Hobel mit einer Kennzeichnung "No. xx" von Esslinger & Abt gebaut wurden? Nein, denn auch andere Firmen haben einen solchen Stempel benutzt.

Dieser Kehlhobel z. B. wurde von der Badischen Holzwerkzeugfabrik hergestellt und steht mit der No. 121 in einem Katalog dieser Firma:
https://www.holzwerken.de/museum/profilhobel/kehlhobel4.phtml
Und in diesem Katalog war auch mein Nuthobel No. 81 abgebildet, den ich bei Esslinger & Abt nicht gefunden hatte:
https://www.holzwerken.de/museum/nuthobel/nuthobel4.phtml
Man sieht, daß sich die beiden Stempel unterscheiden. Der von Esslinger & Abt ist kursiv, der Stempel der Badischen Holzwerkzeugfabrik nicht. Es gibt noch andere Unterschiede, aber bei der geringen Menge an Daten ist es zu früh, diese als typisch anzusehen.


Auch Hobel von den Gebr. Crotogino sind oft so gestempelt, zusätzlich zu einer fünf- oder sechsstelligen Zahl, die ich als laufende Nummer interpretiere. Diese Nummerierung kann aber auch ohne das vorangestellt "No." stehen oder ganz fehlen.


Bei allen drei Herstellern können weitere Markierungen oder Herstellerstempel auftreten, was die Identifizierung erleichtert. Aber wie man sieht, gibt alleine schon die Nummer und die Art der Stempelung wichtige, oft eindeutige Hinweise.



Und eine interessante Entdeckung habe ich in diesem Zusammenhang gemacht. Ein Grathobel No. 38 in meiner Sammlung hat sich als modifizierter Zahnleistenhobel herausgestellt:
https://www.holzwerken.de/museum/falzhobel/grathobel1.phtml
Im Original würde dieser Hobel so aussehen wie hier in Christian Peglows Sammlung:
https://hobelaxt.wordpress.com/2010/01/14/zahnleistenhobel-hainbuche-d-dunkle-holz-f/
Schade um das schöne Stück, zumal es der einzige Zahnleistenhobel in meiner Sammlung ist.

Donnerstag, 19. Mai 2011

Patentierter Simshobel von Carl Pohl

Neulich habe ich einen ganz besonderen Hobel bei Ebay gekauft (Danke für den Tip, Andreas!). Die Beschreibung war mager, wie üblich, aber die Form des Hobels und die seitlichen Messingspangen waren ungewöhnlich genug, um mein Interesse zu wecken.


Der Hobel kam im "Fundzustand", also eingestaubt und mit Farbspritzern. Der Verkäufer hatte keine Markierungen erwähnt, aber auf der Klappe und auf der Vorderseite unter der Nase waren Beschriftungen zu ahnen. Nach vorsichtiger Reinigung konnte ich mit meiner Lupe schließlich den Namen POHL entziffern und etwas, das wie eine Patentnummer aussah. In einer Liste mit deutschen Hobelpatenten auf meiner Homepage fand ich den Namen "Carl Pohl in Steglitz" im Zusammenhang mit zwei Patenten für Simshobel:
http://www.holzwerken.de/museum/patent/hobel_de.phtml
Die dort genannten Patentnummern sind 33684 (1885) und 66226 (1892) und die zugehörigen Patentschriften habe ich unter http://depatisnet.dpma.de/ heruntergeladen. Im Netz fand ich noch einen Bericht über den Ankauf zweier Simshobel von Tischlermeister Pohl für die technische Mustersammlung des Landesgewerbvereins Hessen. Er enthielt neben einer Beschreibung sogar einen kleinen "Testbericht", sowie die vollständige Adresse von Carl Pohl. Mit diesen Informationen gelang es mir dann, die beiden gleichlautenden Markierungen auf Klappe und Hobel zu entziffern:

D.R.P. 33684
C. POHL
STEGLITZ
2 HEESESTRASSE 2

Beschriftung auf der Klappe

Beschriftung auf dem Hobel

Beide Patente von Carl Pohl beziehen sich auf Verbesserungen am Simshobel. Trotzdem dieser Hobel mit der früheren Patentnummer gestempelt ist, entspricht er in allen Details dem späteren Patent von 1892.

DRP 33684 (1885)

DRP 66226 (1892)

Mit seinem ersten Patent Nr. 33684 hatte Carl Pohl einige Nachteile des Simshobels beseitigen wollen. Wesentlich dafür war das Abführen der Späne nach oben, wodurch "das lästige und das Arbeiten erschwerende Festsetzen der Späne" [Zitate aus der Patentschrift] aufgehoben werden sollte. Durch diese Art der Spanführung kann dieser Simshobel auch mit breiterer Bahn gebaut werden und damit z. B. den Falzhobel und den abgefalzten Doppelhobel ersetzen. Im Unterschied zum Fausthobel mit seinen geschlossenen Seitenwänden müssen die Späne durch eine Art Trichter in das Spanloch geleitet werden. Diese Funktion haben zwei seitlich angebrachte Metallplatten, die innen entsprechend abgeschrägt sind. Zusätzlich ersetzte Pohl den hölzernen Keil durch einen eisernen, der gleichzeitig die Funktion des Spanbrechers übernimmt. Zusammen mit einer steileren Lagerung des Hobeleisens "ist es möglich, dem widerspänigen Holze wirksam entgegenarbeiten zu können". Das Widerlager ist ein Bolzen, verankert in zwei weiteren Platten, die außerdem "dem zur Hälfte durchschnittenen Block die erforderliche Stabilität wiederzugeben haben".


Mit dem Patent 66226 von 1892 verbesserte Pohl diesen Simshobel, indem er die beiden Metallplatten auf jeder Seite durch eine einzige Platte ersetzte. Der als Widerlager dienende Metallbolzen wurde durch ein keilförmiges Holzklötzchen ergänzt. Dadurch sollte die in dem oben genannten Test bemängelte Spanabführung optimiert werden. Im Rahmen dieses Patents wurde auch die Form der Metallstücke zum Spanloch hin geändert, um Lücken zu schließen, in denen sich Hobelspäne festsetzen könnten.


In der Patentschrift nicht erwähnt sind die heruntergezogenen Wangen im Bereich des Spanlochs. Ich vermute, daß dadurch ebenfalls die Spanabführung verbessert werden sollte. Auf jeden Fall wird das Entfernen von Hobelspänen mit der Hand erleichtert, und der Hobel bekommt durch die geschwungene Linienführung eine besondere Note.

Weitere Details kann man der Zeichnung aus der Patentschrift 66226 entnehmen:


In dem oben genannten Bericht steht, daß ein zusätzlicher Anschlag angebracht werden kann, "durch dessen Anwendung eine ganze Reihe von Specialhobeln, wie verstellbare Falzhobel zu beliebigen Breiten und Tiefen, Kittfalzhobel, Hobel zum Anstoßen von Federn und Nuthen, zur Herstellung schräger Falzen und Kanten u. s. w. ersetzt werden können, was besonders für kleinere Werkstätten von nicht zu unterschätzendem Vortheil erscheint."

Ich habe den Hobel bisher nicht ausprobiert. Aber in dem Bericht heißt es weiter: "Wir haben die Hobel durch einige Schreinermeister einer Probebenutzung unterziehen lassen, welche die praktische Verwendbarkeit des Simshobels mit Anschlag und dessen Vorzüge älteren Constructionen gegenüber erwiesen hat; nicht gleich günstig waren die Resultate in Betreff der Spanabführung [bei dem Hobel nach dem ersten Patent]. Der allgemein empfehlenswerthe Simshobel mit Anschlag kostet 11 Mark, ist daher bedeutend billiger, als die Hobel, welche durch ihn ersetzt werden und in kleineren Werkstätten nicht ausgenutzt werden können."

Trotz dieser vielen Vorzüge hat sich dieser Universal-Simshobel offensichtlich nicht durchsetzen können, denn sonst wäre er heute in jedem Werkzeugschrank zu finden.