Donnerstag, 19. Mai 2011

Patentierter Simshobel von Carl Pohl

Neulich habe ich einen ganz besonderen Hobel bei Ebay gekauft (Danke für den Tip, Andreas!). Die Beschreibung war mager, wie üblich, aber die Form des Hobels und die seitlichen Messingspangen waren ungewöhnlich genug, um mein Interesse zu wecken.


Der Hobel kam im "Fundzustand", also eingestaubt und mit Farbspritzern. Der Verkäufer hatte keine Markierungen erwähnt, aber auf der Klappe und auf der Vorderseite unter der Nase waren Beschriftungen zu ahnen. Nach vorsichtiger Reinigung konnte ich mit meiner Lupe schließlich den Namen POHL entziffern und etwas, das wie eine Patentnummer aussah. In einer Liste mit deutschen Hobelpatenten auf meiner Homepage fand ich den Namen "Carl Pohl in Steglitz" im Zusammenhang mit zwei Patenten für Simshobel:
http://www.holzwerken.de/museum/patent/hobel_de.phtml
Die dort genannten Patentnummern sind 33684 (1885) und 66226 (1892) und die zugehörigen Patentschriften habe ich unter http://depatisnet.dpma.de/ heruntergeladen. Im Netz fand ich noch einen Bericht über den Ankauf zweier Simshobel von Tischlermeister Pohl für die technische Mustersammlung des Landesgewerbvereins Hessen. Er enthielt neben einer Beschreibung sogar einen kleinen "Testbericht", sowie die vollständige Adresse von Carl Pohl. Mit diesen Informationen gelang es mir dann, die beiden gleichlautenden Markierungen auf Klappe und Hobel zu entziffern:

D.R.P. 33684
C. POHL
STEGLITZ
2 HEESESTRASSE 2

Beschriftung auf der Klappe

Beschriftung auf dem Hobel

Beide Patente von Carl Pohl beziehen sich auf Verbesserungen am Simshobel. Trotzdem dieser Hobel mit der früheren Patentnummer gestempelt ist, entspricht er in allen Details dem späteren Patent von 1892.

DRP 33684 (1885)

DRP 66226 (1892)

Mit seinem ersten Patent Nr. 33684 hatte Carl Pohl einige Nachteile des Simshobels beseitigen wollen. Wesentlich dafür war das Abführen der Späne nach oben, wodurch "das lästige und das Arbeiten erschwerende Festsetzen der Späne" [Zitate aus der Patentschrift] aufgehoben werden sollte. Durch diese Art der Spanführung kann dieser Simshobel auch mit breiterer Bahn gebaut werden und damit z. B. den Falzhobel und den abgefalzten Doppelhobel ersetzen. Im Unterschied zum Fausthobel mit seinen geschlossenen Seitenwänden müssen die Späne durch eine Art Trichter in das Spanloch geleitet werden. Diese Funktion haben zwei seitlich angebrachte Metallplatten, die innen entsprechend abgeschrägt sind. Zusätzlich ersetzte Pohl den hölzernen Keil durch einen eisernen, der gleichzeitig die Funktion des Spanbrechers übernimmt. Zusammen mit einer steileren Lagerung des Hobeleisens "ist es möglich, dem widerspänigen Holze wirksam entgegenarbeiten zu können". Das Widerlager ist ein Bolzen, verankert in zwei weiteren Platten, die außerdem "dem zur Hälfte durchschnittenen Block die erforderliche Stabilität wiederzugeben haben".


Mit dem Patent 66226 von 1892 verbesserte Pohl diesen Simshobel, indem er die beiden Metallplatten auf jeder Seite durch eine einzige Platte ersetzte. Der als Widerlager dienende Metallbolzen wurde durch ein keilförmiges Holzklötzchen ergänzt. Dadurch sollte die in dem oben genannten Test bemängelte Spanabführung optimiert werden. Im Rahmen dieses Patents wurde auch die Form der Metallstücke zum Spanloch hin geändert, um Lücken zu schließen, in denen sich Hobelspäne festsetzen könnten.


In der Patentschrift nicht erwähnt sind die heruntergezogenen Wangen im Bereich des Spanlochs. Ich vermute, daß dadurch ebenfalls die Spanabführung verbessert werden sollte. Auf jeden Fall wird das Entfernen von Hobelspänen mit der Hand erleichtert, und der Hobel bekommt durch die geschwungene Linienführung eine besondere Note.

Weitere Details kann man der Zeichnung aus der Patentschrift 66226 entnehmen:


In dem oben genannten Bericht steht, daß ein zusätzlicher Anschlag angebracht werden kann, "durch dessen Anwendung eine ganze Reihe von Specialhobeln, wie verstellbare Falzhobel zu beliebigen Breiten und Tiefen, Kittfalzhobel, Hobel zum Anstoßen von Federn und Nuthen, zur Herstellung schräger Falzen und Kanten u. s. w. ersetzt werden können, was besonders für kleinere Werkstätten von nicht zu unterschätzendem Vortheil erscheint."

Ich habe den Hobel bisher nicht ausprobiert. Aber in dem Bericht heißt es weiter: "Wir haben die Hobel durch einige Schreinermeister einer Probebenutzung unterziehen lassen, welche die praktische Verwendbarkeit des Simshobels mit Anschlag und dessen Vorzüge älteren Constructionen gegenüber erwiesen hat; nicht gleich günstig waren die Resultate in Betreff der Spanabführung [bei dem Hobel nach dem ersten Patent]. Der allgemein empfehlenswerthe Simshobel mit Anschlag kostet 11 Mark, ist daher bedeutend billiger, als die Hobel, welche durch ihn ersetzt werden und in kleineren Werkstätten nicht ausgenutzt werden können."

Trotz dieser vielen Vorzüge hat sich dieser Universal-Simshobel offensichtlich nicht durchsetzen können, denn sonst wäre er heute in jedem Werkzeugschrank zu finden.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Die Werkzeugfabrik Michael Brönner in Würzburg

Bis vor kurzem war mir diese Firma völlig unbekannt. Bei einer routinemäßigen Google-Suche fand ich dann zufällig eine Anzeige der Werkzeugfabrik M. Brönner aus dem Jahr 1866. Die darin angebotenen Werkzeuge (Hobel, Beitel, usw.) waren interessant, also versuchte ich, mehr über die Firma Brönner herauszufinden.

Der Erfolg einer solchen Recherche ist sehr unterschiedlich. Er hängt zum einen davon ab, welche Bücher von Google eingescannt wurden und in welchem Umfang sie zugänglich sind. Zum anderen hinterlassen die Firmen sehr unterschiedliche Spuren in der Literatur, so daß oft selbst über bekannte Firmen kaum etwas online zu finden ist.

Besonders liegt der Fall der Werkzeugfabrik Brönner insofern, als die Geschichte der Firma relativ kurz ist (ca. 14 Jahre) und praktisch vollständig dokumentiert in Meldungen und Anzeigen der Würzburger Tageszeitungen dieser Zeit.

Mit dieser Meldung vom 9. Mai 1854 begann die kurze Geschichte der Werkzeugfabrik:
"Mich. Brönner von Wolfsmünster erhält von kgl. Regierung die Erlaubniß zur Errichtung einer Fabrik von Werkzeugen für Holzarbeiten und die Ansässigmachung dahier."


Der Start gelingt und Brönner nimmt schon im Juli an der Allgemeinen Deutschen Industrie-Ausstellung in München teil mit 12 verschiedenen Hobeln, "darunter Nut= und Feder=, Gesims=, Hirngrat=, Kehlhobel".

Zu dieser Zeit wird auch "ein tüchtiger Arbeiter" "gegen gute Bezahlung gesucht" und im April 1855 "ein tüchtiger Schreiner und ein Metallarbeiter", "welch letzterer das Härten verstehen muß".

Für die Gründung einer Werkzeugfabrik war vom Polytechnischen Verein in Würzburg eine Prämie von 200 fl. ausgeschrieben worden, die "nach Verlauf eines Jahres ... an den Schreinergesellen, gegenwärtigen Werkzeug-Fabrikanten Michael Brönner dahier ausgehändigt" wurde.

Bei der "Jubelfeier des fünfzigjährigen Stiftungsfestes des polytechnischen Vereins" im Juli 1856 gestaltet Brönner einen Wagen für den Festzug: "der Wagen des Hrn. Brönner hatte ein Podium, mit verschiedenen Baumrinden und Guirlanden bekleidet; als Gallerien dienten große Sägen, auf der Mitte erhoben sich 3 Pyramiden mit Werkzeugen für Schreiner, Wagner, Büttner etc. in sinnreicher Gruppirung."

Am 23. Mai 1857 inseriert die Firma im Würzburger Stadt- und Landboten:


Auf einer Kreis-Industrie-Ausstellung "zur Feier der Eröffnung der Maxschule zu Würzburg" 1858 zeigt Brönner "ein reiches Sortiment von seinen als vorzüglich bekannten Erzeugnissen namentlich in Hobeln, dann eine Band- und Kreissäge" und erhält dafür ein Anerkennungsdiplom.

Im November 1859 zeigt Brönner seine erste Ausstellung auf der Bayreuther Messe an, wo bei ihm "alle fertigen Werkzeuge sowie einzelne Theile zu haben sind". Eine Woche später sucht er per Annonce "zwei Schreiner, welche gut im Hobelwerkzeugfertigen bewandert sind". Anfang Dezember 1859 erinnert eine Anzeige an das nahende Weihnachtsfest: "Es ist eine Auswahl Laubsägen-Bögen vorräthig; auch werden wie alle Jahre für Knaben Werkzeuge angefertigt."

Im Januar 1860 allerdings meldet der Würzburger Anzeiger den ersten Gerichtstermin "im Konkurse des Werkzeugfabrikanten Michael Brönner hier", und eine Bekanntmachung im August lädt "Strichsliebhaber" zu einem Termin, wo "das zum Concurse gehörige Mobiliare" und "Handwerkszeug" "gegen Baarzahlung öffentlich versteigert" werden.

Brönner schafft aber einen Neuanfang, denn in den Jahren 1865 bis 1867 wirbt der Werkzeugfabrikant mit seinem "großen Werkzeuglager" und meldet: "Wegen angehäuften großen Bestellungen ist mir nicht möglich, diese Messe [in Würzburg] zu beziehen, weßhalb ich meine geehrten Abnehmer ersuche, mich in meinem Laden zu beehren". Aus dieser Zeit stammt auch die folgende "Meßanzeige" zur "Rothenburger Messe":


Offensichtlich hat sich Brönner aber ziemlich übernommen, denn schon im April 1868 müssen die "Werkzeugfabrikanten-Eheleute Michael und Rosina Brönner" erneut Konkurs anmelden wegen "nachgewiesener Ueberschuldung": "Die zur Zeit inventirte, aus Waaren und Mobilien bestehende Aktivmasse hat einen Taxwerth von 343 fl. 39 kr. entgegen einer angezeigten Passivmasse von ca. 2550 fl."

Im "Adreß-Handbuch für die königlich bayer. Kreis-Haupt- und Universitäts-Stadt Würzburg" von 1870 ist Michael Brönner als einfacher Werkzeugmacher verzeichnet.

Mittwoch, 13. April 2011

Tatwerkzeug Lochbeitel

Im "Oeffentlichen Anzeiger zum Amtsblatt der Königlichen Regierung" (Merseburg, 18. März 1843) meldet das Polizeiamt der Stadt Leipzig einen Einbruch bei einem Uhrmacher, bei dem eine größere Anzahl Uhren entwendet wurde. Detailliert wird die Beute der ruchlosen Tat aufgelistet und beschrieben; anscheinend hat der Dieb den ganzen Laden leergeräumt.

Interessant für mich ist diese Meldung aber wegen der Beschreibung des Tatwerkzeugs:
"Bei der Ausführung des in obiger Bekanntmachung vom 6. d. M. erwähnten Uhren-Diebstahls hat der Dieb einen sogenannten deutschen doppelfallsigen Lochbeutel (einen Meisel), ingleichen eine englische halbrunde Schlichtfeile angewendet und nachmals zurückgelassen. Beide Instrumente sind wenig gebraucht, anscheinend noch neu und dürften daher erst kurze Zeit vor Verübung des in der Nacht vom 4. zum 5. d. M. geschehenen Diebstahls gekauft worden seyn. Alle diejenigen, welche dergleichen Werkzeuge um diese Zeit hier oder anderwärts verkauft oder auch weggeliehen haben, werden hierdurch ersucht, uns oder der nächsten Polizeibehörde davon schleunigste Mitteilung zu machen, wobei wir zugleich auf die laut unserer ersten Bekanntmachung ausgesetzte Belohnung von 100 Thalern hinweisen."

Nachdem ich erst kürzlich über die Unterschiede zwischen den alten deutschen und englischen Beiteln recherchiert und geschrieben habe, kann ich mir erst jetzt unter einem "deutschen doppelfallsigen Lochbeutel" etwas vorstellen. Was mich daher beim Lesen erstaunt hat sind die Detailkenntnisse, die man damals bei der Leipziger Polizei über die Werkzeuge eines Schreiners hatte. Dagegen kann man annehmen, daß dem Uhrendieb die (von Karl Karmarsch und Franz Wertheim beklagten) mangelhaften Eigenschaften der deutschen Lochbeitel nicht bewußt und schon gar nicht hinderlich waren.



Quelle: Google Buchsuche

Samstag, 9. April 2011

Deutsche Stemmeisen

Kürzlich bekam ich einen Anruf von einem Sammler. Er hatte einige Beitel in seiner Sammlung mit Klingen, die zur Schneide hin breiter werden. Er wollte gerne wissen, von welchen Holzarbeitern solche Beitel verwendet wurden und wie alt sie etwa sein könnten.

Mir kam diese Form zwar bekannt vor, aber zunächst konnte ich seine Frage nicht beantworten. In Katalogen hatte ich solche Beitel noch nicht gesehen, also mussten diese Werkzeuge wohl etwas älter sein. Ein guter Start für eine solche Suche ist z. B. die "Werkzeugkunde" von Franz Wertheim, wo auch exotischere Werkzeuge und solche aus den Nachbarländern abgebildet und vor allem auch detailliert beschrieben sind. Tatsächlich fand ich dort die Antwort, die mich sehr überrascht hat. Wertheim schreibt:

"Fig. 141, Taf. VII, zeigt ein deutsches Stemmeisen. Die Schneide ist hier nur von einer Seite, bei sehr vielen Werkzeugen dieser Art jedoch auch von zwei Seiten zugeschärft und zwar so, dass die beiden Seitenflächen gegen die Mitte der Dicke sanft zusammenlaufen, was jedoch beim Ausstemmen senkrechter Wände nicht vortheilhaft ist.
Die deutschen Stemmeisen haben das Eigenthümliche, dass ihre schmalen Seitenflächen gegen das Heft hin zusammenlaufen, was den Uebelstand mit sich führt, dass die Schneiden beim Nachschleifen immer schmäler werden."


"Deutsche" Stemmeisen? Ich war immer der Meinung, daß man deutsche Beitel von englischen allenfalls an der Form der Griffe unterscheiden kann. Aber das war wohl nicht immer so. Und nachdem ich nun einen Namen hatte, war es relativ einfach mehr Informationen darüber zu finden.

Tatsächlich war nicht so sehr die breiter werdende Klinge der entscheidende Unterschied zu den heutigen Beiteln, sondern die Art der Schneide, die "von beiden Seiten zugeschärft" war. Man stelle sich vor, in einer heutigen Schärfanleitung die Empfehlung zu finden, seine Beitel mit einer Fase auf der Spiegelseite zu versehen!

Deutsche und englische Stemmeisen im Vergleich zeigt die folgende Abbildung aus dem Katalog der Firma Joh. Weiss von 1861:


Karl Karmarsch unterscheidet in seinem "Handbuch der mechanischen Technologie" (1851) zwischen dem einseitig zugeschärften Stechbeitel und dem zweiseitig geschärften Stemmeisen, das aber auch "dünn in der Klinge (ist), daher nicht zu grober Arbeit geeignet". "Gewöhnlich wird die Zuschärfung durch eine allmälige, bogenförmig zulaufende Verdünnung der Klinge gebildet, öfters aber auch durch eine deutlich erkennbare gerade Facette auf jeder Seite." Noch deutlicher ist der Unterschied bei den Lochbeiteln. Die englischen und französischen Lochbeitel hatten damals schon die uns heute bekannte Form. Über die deutschen schreibt er:
"Die deutschen Lochbeitel gleichen völlig den englischen (...), nur daß sie die zweiseitige Zuschärfung haben. Diese dient ihnen indeß keineswegs zur Empfehlung; denn da sie zunächst bei der Schneide keine ebene Fläche darbieten, welche dem Werkzeuge zur geraden Führung an der auszuarbeitenden Holzfläche dienen könnte: so fällt diese Letztere leicht unregelmäßig und nicht gehörig glatt aus. Aus diesem Grunde haben die Lochbeitel nach englischer Form auch schon in sehr vielen deutschen Werkstätten Eingang gewonnen."

Daß sich solche verbesserten Werkzeuge, die zu dieser Zeit vor allem aus England kamen, bei uns nicht leicht durchsetzen konnten, zeigt Karmarsch an anderer Stelle anhand vieler Beispiele auf. Und er bedauert, "daß der Deutsche Handwerker im Allgemeinen schwer daran geht, sich an neue Geräthe und Arbeitsmethoden zu gewöhnen, und überdieß ein etwas höherer Preis des Werkzeugs selbst in den Fällen ihn abschreckt, wo eine wesentlich bessere oder vortheilhaftere Wirkung reichlich dafür entschädigen würde."

Es scheint so, als ob diese "deutschen" Stemmeisen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Platz im Werkzeugschrank zugunsten der besseren "englischen" Beitel räumen mußten. Und obwohl ich gerne ein paar solcher Stemmeisen in meiner Sammlung hätte, bin ich doch froh, nicht damit arbeiten zu müssen.

Schöne Beispiele für die Palette der Beitel in alten deutschen Schreinerwerkstätten findet man übrigens in den
Hausbüchern der Nürnberger Zwölfbrüderstiftungen, z. B.:

http://www.nuernberger-hausbuecher.de/75-Amb-2-279-69-v
http://www.nuernberger-hausbuecher.de/75-Amb-2-279-75-v
http://www.nuernberger-hausbuecher.de/75-Amb-2-279-84-r

Donnerstag, 20. Januar 2011

Hobelbau klassisch - Die Nase

Hier geht's zum vorherigen Beitrag.

Auf den ersten Blick scheinen die Nasen von Hobeln alle gleich auszusehen. Tatsächlich aber sind sie recht unterschiedlich und ihre Form kann einem schon Hinweise auf den Hersteller geben. Anders als bei den menschlichen Nasen kommt es bei Hobeln weniger auf Schönheit als auf gute Handhabung an. Ich wollte beides haben, eine schöne und handliche Nase.

Ich hatte in einem früheren Beitrag schon angedeutet, daß ich die Hobelnasen der Firma Friedrich Ott schöner finde als die von Georg Ott/Ulmia. Diese im oberen Bereich nach der Seite gebogenen Griffe, wie man sie auch bei Kneisel und Goedel findet, gefallen mir einfach besser als die klobigen geraden von Ulmia, Steiner und Famos/Esslinger & Abt. Damit war die Frage der Schönheit geklärt, aber wie sieht eine handliche Nase aus?

Über mangelnde Testmöglichkeiten kann ich nun wirklich nicht klagen, also habe ich einfach mal ein paar Griffe durchprobiert. Überrascht mußte ich feststellen, daß ausgerechnet eine seltene und wieder "ausgestorbene" Form sich als besonders handlich herausstellte. Das waren nämlich Hobel von Max Gaitsch, deren Vorderteil mich an ein Wikingerschiff erinnert. Das ist eigentlich kein Wunder, denn der untere von der Hand umfaßte Teil ist völlig in den Hobelkörper integriert und liegt damit gut in der Hand.

Für meinen ersten Hobel war mir diese Form der Nase aber dann doch zu exotisch. Und da ich in der Handhabung keine großen Unterschiede bei den anderen Herstellern feststellen konnte, habe ich mir einen Fausthobel von Friedrich Ott als Vorbild für die Nase genommen.

Die Form habe ich frei Hand auf einen Weißbuchenklotz skizziert und mit der Schweifsäge grob vorgeschnitten. Der untere Teil behielt vorläufig seinen rechteckigen Querschnitt, um das Einspannen für die weitere Formgebung und das Herstellen der Gratverbindung zu erleichtern.


Die grobe Form war schnell mit der Raspel hergestellt. Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut man geschweifte Holzoberflächen mit Raspeln und Feilen formen kann und wie schnell das geht.


Sieht doch schon gut aus!


Die Nase von deutschen Hobeln wird in den Hobelkörper eingegratet (einzige Ausnahme: ECE). Das untere Ende der Nase kann einfach auf dem Vorsprung aufsitzen, wird aber üblicherweise in eine eingebohrte Vertiefung versenkt, um die Verbindung noch zu verstärken. Das setzt voraus, daß man die Basis perfekt rund macht, und das habe ich mir nicht zugetraut. Deshalb habe ich diese Vertiefung kleiner als den Durchmesser der Nase gemacht und einen entsprechenden Zapfen abgesetzt. Ein Dübelverbindung wäre auch denkbar.

Die Gratnut im Hobelkörper habe ich wegen ihrer Größe und Lage etwas anders herstellen müssen als gewohnt. Nachdem ich den meisten Abfall in der Standbohrmaschine herausgebohrt hatte, war die Nut aber dann leicht mit einem Beitel herzustellen. Wesentlich schwerer getan habe ich mich mit dem Grat an der Nase. Vermutlich wäre es einfacher gewesen, zuerst den Grat mit dem Grathobel an einen quaderförmigen Klotz anzustoßen und danach mit der Formgebung der Nase zu beginnen.


Aber zum Glück ist der Grat nur sehr kurz, und ich finde auch, daß die Verbindung besser aussieht, wenn der Grat abgesetzt wird.

Nachdem die Nase eingepaßt war, habe ich noch den Keil auf die endgültige Länge gekürzt und oben abgerundet. Und so sieht der Hobel jetzt aus. Die Nase wird noch abgeschliffen und eingeleimt, und auch im Spanloch müssen die Oberflächen noch geputzt werden. Die Kanten will ich noch etwas abrunden. Und schließlich muß ich mir noch Gedanken machen, wie der Ballen, also der hintere obere Teil des Körpers aussehen soll, damit der Hobel auch bequem in der Hand liegt.


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Freitag, 31. Dezember 2010

Frühe Markenzeichen der Firma Böker

Der Baum als Markenzeichen der Firma Böker ist weltbekannt. Auf der Homepage der Firma ist zu lesen, daß als Vorbild für dieses Zeichen ein Kastanienbaum diente, "der die erfolgreiche Remscheider Handwerkzeug-Fabrik der Familie Böker überschattete." Das Zeichen des Baumes habe der Remscheider Firma gehört und Heinrich Böker habe es für sein 1869 neugegründetes Werk in Solingen übernehmen dürfen.

Bei meinen Recherchen habe ich auch verschiedene Markenanmeldungen der Böker-Firmen gefunden. Die Anmeldung vom 3. Juni 1870 beim Königlichen Gewerbegericht in Solingen zeigt das Zeichen mit der einfachen Beschreibung "der Baum". Trotz der falschen Schreibweise des Namens mit "Fabrikhandlung Heinrich Becker & Cie. am Wehrwolf Gemeinde Dorp" ist klar, daß die Solinger Fabrik Heinrich Böker gemeint ist. Von "Böker" über "Böcker", wie der Name oft in alten Quellen auftaucht, zu "Becker" ist es nicht weit. Und das Baumwerk Heinrich Böker in Solingen steht noch heute im Solinger Stadtteil Dorp an der Schützenstraße, die die Verlängerung zur Straße "Werwolf" bildet.


Der Baum auf dem Solinger Markenzeichen unterscheidet sich deutlich von der früheren Anmeldung der "Handlung R. & H. Böker zu Remscheid" vom 25. Juni 1859. Der dort abgebildete Baum hat eine schirmförmige Krone und wird flankiert von den Buchstaben "B B".


Obwohl dieses Markenzeichen 1859 angemeldet wurde, ist es tatsächlich schon länger im Besitz der Firma Böker. Diese Neuanmeldung ist vermutlich auf eine veränderte Gesetzgebung zurückzuführen, nämlich die "Verordnung zum Schutz der Fabrikzeichen von Eisen- und Stahlwaren für die Provinz Westfalen und die Rheinprovinz" von 1847.

Daß das Zeichen schon früher vergeben wurde, geht auch aus einem Artikel in einer juristischen Zeitschrift von 1854 hervor. Dort heißt es: "Das Handelshaus J. G. Böcker und Söhne oder R. und H. Böcker zu Remscheid, ist nach Maaßgabe des Gesetzes vom 18. August 1847 im ausschließlichen Gebrauche eines Fabrikzeichens für seine Eisen- und Stahlwaaren, welches einen Apfelbaum mit den Buchstaben B. B. und B. S. darstellt."

Ein Apfelbaum also, keine Kastanie? Als ich dieses Zitat gefunden hatte, war mir nicht klar, welche Bedeutung ich dem beimessen sollte. In dem genannten Artikel geht es um einen Rechtsstreit mit einer Konkurrenzfirma, die ein sehr ähnliches Zeichen auf ihre Waren geschlagen hatte. Ich dachte, daß es dabei mehr um den Baum an sich als Markenzeichen ging und nicht um die Art des Baumes. Aber dann habe ich die vermutlich allererste Anmeldung eines Zeichens der Firma Böker gefunden.

Die Zeichenrolle des Cronenberger Handwerksgerichts wurde aufgrund einer landesherrlichen Verfügung von 1765 eingerichtet und enthält Anmeldungen von Fabrikzeichen der Jahre 1766 bis 1829 aus den Gemeinden Cronenberg, Lüttringhausen und Remscheid. Die Einträge sind sehr schwer zu entziffern, und obwohl ich schon länger eine Kopie davon besitze, habe ich bisher nur einen kleinen Teil davon ausgewertet. Um die Frage zu klären, welcher Baum denn nun auf dem Bökerschen Markenzeichen abgebildet ist, habe ich einen neuen Anlauf gestartet und tatsächlich eine Anmeldung vom September 1792 gefunden.

Ich gebe hier den Inhalt teilweise mit eigenen Worte wieder. Leider ist der Text an vielen Stellen unklar, insbesondere auch da, wo der Name des Baums genannt wird. Ich erkenne ein "a??elbaum". An der Stelle der Fragezeichen könnte ein "st" stehen, ein "ft", ein "ff" oder ein "ß". Wer möchte, kann sich ja mal selbst am Originaltext versuchen (Link unten):

"1792 den 29. September präsentierte Gottfried
Böker aus Vieringhausen im Kirchspiel
Remscheid das Zeichen den Apfelbaum,
welches auf allerhand Stahl- und Eisen-
waren geprägt werden soll. Dies Zeichen
ist in den Kirchen des Handwerks-
distrikts proklamiert worden
und wie es hier neben abgedruckt
steht."


Das in Siegellack eingeprägte Zeichen interpretiere ich in Anlehnung an das obige Zeichen von 1859 als Baum mit den Buchstaben G und B (für Gottfried Böker):

Anmeldung Fabrikzeichen Gottfried Böker Remscheid, 1792




Um abschließend zu klären, was genau in dieser Markenanmeldung steht und auf dem abgedruckten Zeichen zu sehen ist, wird es wohl einen Experten brauchen, der sich das Original in Remscheid mal genauer ansieht. Aber selbst wenn sich der Apfelbaum bestätigen sollte, kann das spätere Zeichen von Heinrich Böker trotzdem einen Kastanienbaum darstellen. Interessant ist die Sache auf jeden Fall.


Quellenangaben:
Markenanmeldung vom 3. Juni 1870:
Amtsblatt für den Regierungsbezirk Düsseldorf
[Bayerische Staatsbibliothek München]

Markenanmeldung vom 25. Juni 1859:
Amtsblatt für den Regierungsbezirk Düsseldorf
[Google Buchsuche]

Markenanmeldung vom 29. September 1792:
Zeichenrolle des Cronenberger Handwerksgerichts
Historisches Zentrum der Stadt Remscheid

Verfahren gegen Gebr. Wirths:
Archiv für das Civil- und Criminal-Recht der Königl. Preuß. Rheinprovinzen, 1854
[Google Buchsuche]

Zeitlinie der Böker-Marken:
http://www.boker.de/pdf/knifeworld.pdf (letzte Seite)

Montag, 27. Dezember 2010

Hobelbau klassisch - Hobelbauerwerkzeuge

In meinem Beitrag über das Ausstemmen des Spanlochs habe ich auch die Werkzeuge einer französischen Firma erwähnt. Von Pierre Bouillot, dem Autor des Buches, in dem diese Werkzeuge zu finden sind, habe ich mittlerweile eine bessere Abbildung bekommen mit der Erlaubnis, diese hier zu veröffentlichen.


Werkzeuge für den Hobelbau, Abbildung aus dem Buch:
Les Rabots, Pierre Bouillot et al., Edition Vial, 2010

Diese Werkzeuge stammen aus der Fabrik "Le Sorbier" in Lyon (Sammlung Denuzière). Die Abbildung zeigt eine Anzahl von Stichsägen verschiedener Größe mit Bezahnung auf Stoß. Außerdem sind zwei mir bisher unbekannte Sägen mit doppeltem seitlichem Blatt abgebildet, die auf Zug schneiden. Auch mehrere Floats (écouannes) sind zu sehen in verschiedenen Breiten. Die schmalsten Floats sind fast schon Sägen, sodaß man sagen könnte, daß alle Übergangsformen zwischen Säge und Float benutzt wurden.

Beitel und Bohrer sind hier nicht gezeigt, aber man kann davon ausgehen, daß die französichen Hobelbauer auch davon eine Auswahl benutzt haben.